NIE
IEDER!
MOTTO
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IEDER!
Mit dem
ROSA WINKEL
wurden im Dritten Reich Männer in den Kon-
zentrationslagern gekennzeichnet, die wegen ihrer Homosexualität
dorthin verschleppt wurden. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts
hat sich die Schwulen- und Lesbenbewegung den Schwarzen und den
Rosa Winkel bewusst zu ihren Symbolen gemacht. Ihre Geburtsstun-
de hat die Lesben- und Schwulenbewegung aber noch viel früher: Am
29. August 1867, also vor 150 Jahren, forderte Karl Heinrich Ulrichs in
einer Rede auf dem Deutschen Juristentag in München erstmals öf-
fentlich die Straffreiheit männlicher gleichgeschlechtlicher sexueller
Handlungen, worauf es zu tumultartigen Szenen und zum Abbruch
seiner Rede kam.
90 Jahre später, am 10. Mai 1957, urteilte das Bundesverfassungsge-
richt, der von den Nazis 1935 verschärfte § 175 StGB, der etwa 15.000
Männer ins KZ gebracht, viele dieser Männer das Leben gekostet hatte
und unverändert ins Strafrecht der BRD übernommen worden war, wi-
derspreche nicht dem Grundgesetz. Jegliche Art sexueller Handlung
zwischen Männern blieb strafbar. In der Bundesrepublik wurden nach
diesem unmenschlichen § 175 StGB etwa 50.000 Männer verurteilt.
Die unterschiedliche Behandlung männlicher und weiblicher Homose-
xualität wurde auf biologische Gegebenheiten und das „hemmungslo-
se Sexualbedürfnis“ des homosexuellen Mannes zurückgeführt. 1969
wurde § 175 StGB erstmals reformiert: sexuelle Handlungen zwischen
erwachsenen Männern waren jetzt straffrei. Völlig aufgehoben wurde
er aber erst 1994 im Zuge der Rechtsangleichung zwischen der BRD
und der DDR im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung.
NIE
IEDER!
ist dabei nicht nur ein Blick in die
Vergangenheit und eine Erinnerung an schreckli-
chen Gräuel-Taten in der NS-Zeit. Es ist auch eine
Forderung für das Jetzt und Hier und die Zukunft.
Schwule und Lesben, Bi- und Trans-Menschen und
alle, die nicht in das Weltbild der „Normalität“ pas-
sen, werden auch in Deutschland auf offener Straße
angegriffen und von der eigenen Bundesregierung
offen diskriminiert, weil die Bundeskanzlerin ein
„Bauchgefühl“ hat. Jetzt, so kurz vor der Bundes-
tagswahl im September, plakatieren alle Parteien,
dass sie Diskriminierung abbauen wollen. Wirkliche
Taten folgen allerdings nicht. Die wichtigen Ände-
rungen in Sachen rechtliche Gleichstellung kamen
nicht aus dem Deutschen Bundestag, sondern wur-
den vom Bundesverfassungsgericht angestoßen.
Daher lautet unsere Forderung auch:
NIE
IEDER!
Diskriminierung durch unsere eigene Regierung!
Herzlichen Dank an das Centrum Schwule Geschichte
und an den Frauengeschichtsverein für die Unterstüt-
zung bei der Erstellung dieses Textes.
DAS MOTTO ZUM COLOGNEPRIDE 2017




